|
|
|
Mamas Bücher geblogt am 30. 05. 2024 |
|
|
Als meine Mutter im letzten Herbst nicht mehr treppesteigen konnte, begann ich, das Haus umzuräumen, damit Eß- und Wohn- mit ihrem Bade- und Schlafzimmer auf dieselbe Etage kämen und wieder bequem erreichbar wären. Als erstes kam das Eßzimmer in die frühere Diele im 1. Stock, und dort gab es noch eine ganz leere Wand von 1 Meter 20 Breite. Es dauerte nicht lange, bis us die Idee kam, für diese Wand ein neues Bücherregal machen zu lassen, in das ihre ganze Büchersammlung passen würde. Der gute Bücherschrank im Wohnzimmer faßte längst nicht mehr alles, was sie sich von den 80er bis in die 00er Jahre an Lesestoff für abends vorm Einschlafen gekauft hatte; es stand zerstreut in verschiedensten Regalen, und einen Teil hatte sie sogar irgendwann in Kartons gepackt. Dieses Regal haben wir genau passend für die Wand von jener Schreinerei anfertigen lassen, die uns vor Jahren, als unsere Holzfenster in die Jahre kamen, durch einen fachmännischen, für sie nicht einträglichen Rat eine große Summe sparen half. Leider hat es meine Mutter nicht mehr fertig sehen können. Die Bücher hatten auf ihrem großen Kleiderschrank gestapelt, monatelang gewartet.[x]
Und - obwohl es schon grob abgeschätzt war - daß wirklich exakt alle hineinpassen würden, war dann doch ein kleines Wunder. Ich räumte noch manches um, aber jetzt finde ich alles gut geordnet, die älteren und die neueren, die dicken Romane, die schweren Krimis und die schmalen, ganz besonderen Bändchen.[x]
Ja, und aus diesem Regal, das ja nun an dem vielbegangenen Weg zum und vom Bad steht, hat mich dann zwei Wochen lang bei jedem Vorbeigehen Rosamunde Pilcher angeguckt, bis ich vor Neugier schwach wurde und mi einmal ein Bändchen als Bettlektüre mitgenommen habe. Man
liest so etwas
ja eigentlich nicht. Und die ersten zwanzig Seiten fand ich das Vorurteil auch prompt bestätigt, daß es voller Klischees sei und sprachlich bescheiden, heile Welt, durch die rosarote Brille und so weiter. Aber dann dachte ich, hej, was ist da eigentlich so schlimm dran? Und es fing an, Spaß zu machen, zuerst so ein bißchen ironisch, dann nur noch augenzwinkernd, und ernster ist es ja wahrscheinlich auch gar nicht gemeint.[x]
Ich habe den leisen Verdacht, daß es meiner Mutter, als sie diese Bücher nach und nach gekauft hat, ähnlich gegangen ist. Zuhause hatten sie vermutlich nicht viele Bücher, es gab ja immer Arbeit. Und als sie als junge berufstätige Frau in Augsburg erstmals für sich wohnte un sich zum Feierabend eine Illustrierte mit heimbrachte, war es im katholischen Agnesheim, wurde bemerkt, und dann soll das Wort Schund
gefallen sein. Verheiratet, mußte sie Windeln waschen
, und Tante Maria hatte sie für die Herder Buchgemeinde geworben, da kam zwei oder vier Mal im Jahr ein Katalog mit nur guter
Literatur: Carl Zuckmayer, Werner Bergengruen, Gertrud von Le Fort, die stehen jetzt ganz oben im Regal, die haben mich nie interessiert, irgendwann nehm ich mir mal eine Trittleiter und guck rein. Der einzige von diesen, der mich mal zum Lesen reizte, allein wegen des Namens, war Trygve Gulbransson, der in Deutschland mehr als in Norwegen bekannte norwegische Schriftsteller, aber im Unterschied zu Knut Hamsun hab ich ihn nur ein Mal gelesen.[x]
Mamas literarische Entdeckungsreise muß in der Zeit begonnen haben, als die neuen Buchläden kamen, wo man auch sitzen und probelesen konnte. Als Tante Maria getorben war und ihr eine Ladung Bilder, ein gewaltiges Postkartenalbum und viele Erzählungen anvertraut hatte. Mama hat sich eine Zeitlang sehr viel mit den alten Bildern beschäftigt, bei Photo Rudolph in der Oranienstraße immer wieder Vergrößerungen machen lassen, eingerahmt und aufgeängt und die Gesichter sehr genau angeschaut und in ihnen gelesen. Sie sprach dann darüber, wie sie [x]
Zum Beispiel Sommer am Meer: Eine junge Frau, die sich bisher von ihrer tadellosen, standesbewußten Mutter hat bestimmen lassen, entdeckt, daß ihr Herz aufgeht, wenn sie mit einem gewöhnlichen jungen Landwirt aus der Nachbarschaft zusammen ist, befreit sich von gesellschaftlichen Zwängen und beginnt das wahre Leben zu geießen.[x]
Oder Wilder Thymian:[x]
September:[x]
Wolken am Horizont:[x]
Wechselspiel des Lebens:[x]
Ich will ihr nachspüren und habe noch viel vor mir. Was gibt es Wertvolleres an Erinnerungen als ein Bücherregal, in dem ein ganzes Leseleben beisammensteht, vor allem, wenn man dauernd daran vorbeiläuft. Und eigentlich ist unsere Familiengeschichte ja auch ein Roman, wenn man sie sich nur mal mit offenem Herzen erzählt, statt nur immer zu analysieren, als würde dadurch irgendetwas besser.[x]
Daß die Geschichten furchtbar viel von Gutbetuchten handeln, ist eine Sache. Aber in jeder Geschichte spielt auch mindestens eine Person eine Hauptrolle, die gut ist. Und sich am Ende anders als oft im richtigen Leben behauptet. Mama hat von ihrer Mutter immer gesagt, sie war gut, nicht streng, wie ihre Schwiegermutter.[x]
zul. bearbeitet 2024-05-30 18:42:21