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Das Haus
geblogt am 31. 05. 2024

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Der Mensch braucht ein Plätzchen, und wär's noch so klein, von dem er kann sagen: Sieh her, das ist mein! Hier leb ich, hier lieb ich, hier ruhe ich aus. Hier ist meine Heimat. Hier bin ich zu Haus.—als sie dieses unschuldige Verslein eines Tages vor zehn Jahren auf ihrem Abreißkalender fand, hat meine Mutter das Blättchen nicht fortgeworfen sondern über ihrem Platz am Küchentisch an die Wand geheftet, wo es mir nie aufgefallen ist bis jetzt beim Ausräumen der Küche nach ihrem Tod. Fast fertiger Text:[x]

Schon lang vor unserem Einzug hat mein Vater jede nicht streng notwendige Ausgbe vermieden und soviel wie möglich auf die hohe Kante gelegt, um im Rentenalter seinen Bruder Paul, der inzwischen selbst gebaut hatte, auszahlen und im Alter sein Elternhaus an der Kahlemühle bewohnen zu können. Er hat ja wegen seiner langen Militärzeit webig geklebt und wollte nun möglichst viel freiwillig nachkleben, deswegen hatten wir immer wenig Geld – kein Auto, eine billige Mietwohnung in einem Arbeiterviertel, Fernseher erst 1968, Urlaub nur bei Verwandten usw. – obwohl er eigentlich gar nicht so schlecht verdiente. Nachdem er ums Leben gekommen war, kurz bevor es soweit gewesen wäre, hat meine Mutter aus allen möglichen Quellen – Versicherungen, Bausparverträge, Verwandtendarlehen – das Geld für ihren Schwager und den notwendigen Umbau zusammengekratzt; daß sie in dieser Zeit einen kühlen Kopf bewahren konnte, ist bewundernswert. Onkel Pauls Vorstellungen kenne ich nicht, aber seinen Vorschlag, die endgültige Erbteilung mithilfe von Grundbucheinträgen auf die nächste Generation zu verschieben, hat sie energisch abgelehnt mit dem Argument, ihre Kinder hätten ihr Leben lang schon genug für dieses Haus sparen müssen, als daß ihnen nun noch eine Hypothek wegen dem Haus aufgeladen werden dürfe, die Teilung müsse nun ein für allemal zwischen ihr und ihm in einer Summe abgemacht werden, und da Omas und Opas Testament einen Verkauf aus ausgeschlossen habe, müsse er einfach mit dem zufrieden sein, was sie aus ihren gegenwärtigen Mitteln aufbringen könne, wovon sie aber auch das Haus sanieren und bewohnbar machen müsse, und einen Teil zu vermieten habe sie einfach nicht die Nerven. Einen Einblick in diese Erbauseinandersetzung erhielt ich erst neulich durch diesen Brief meiner Mutter an Onkel Paul vom 7.9.1973, obwohl ich bei den handschriftlichen Entwürfen zu dem dann mit der Maschine geschriebenen Text sogar teils von mir sind - daran hatte ich keine Erinnerung mehr, nur daran, daß mein Vater noch in Köln ab und zu abends, wenn noch mit Onkel Paul telefoniert worden war, ziemlich erregt klang.[x]

Vor fünfzig Jahren jedenfalls schlief meine Mutter am Abend des 1. Juli 1974 zum ersten Mal seit dem 17.3.1945, nach fast dreißig Jahren, wieder in ihrem eigenen Haus ein. Und da konnte sie nun noch fast fünfzig Jahre bleiben, ene Zeit, über deren lange Dauer sie in den letzten Jahren alle paar Tage staunend-ungläubig den Kopf geschüttelt hat: Wie lange bin ich jetzt eigentlich schon hier? -Fast fünfzig Jahre, Mama! -Nee, das gibt's doch gar nicht![x]

Zuerst stand aber noch das Gerüst am Haus, der Putz wurde abgeklopft und neu gemacht, noch lang hatte meine Mutter Handwerker im Haus, und die Vorhänge paßten nicht (in Köln hatten wir 3 Meter 20 Raumhöhe gehabt), bis es wohnlich und gemütlich war, schien es noch ewig zu dauern. Auch war gleich der erse Sommer ein heißer. Ich hatte mir für den Urlaub nach dem Abitur eine Ferienarbeitsstelle auf der Ulmer Hütte am Arlberg besorgt, bevor ich am 1.9. in Burtenbach mit dem Zivildienst anfing, und Maria fuhr nach England Sprache lernen.[x]

Mir war, ein Haus zu besitzen, damals gar nicht recht und eher peinlich. Ich war es einfach nicht gewohnt. In der Schule hatten nur die reichen Leute eigene Häuser, und dazu gehörten wir doch wohl nicht. Auch um was alles man sich dadurch kümmern mußte, Tapeten, Vorhänge, Zaun streichen, Bäume schneiden… Dafür hatte ich damals wirklich gar keine Zeit; ich war in der Schule einer der besten gewesen und sollte nun in München studieren, auch hatte ich es geschafft, den Kriegsdienst zu verweigern und war mordsmäßig gespannt auf den Zivildienst in eienm Pflegeheim, und überhaupt hatte ich so viele Interessen…; wollte auch etwas von der Welt sehen, Köln war ja zuletzt schon eine spannende, weltzugewandte Großstadt gewesen, was sollte ich da am kleinbürgerlichen Stadtrand des eingebildeten Wiesbaden, wo Gartenzaungespräche darüber gingen, ob man schon Mohrrüben säen kann oder lieber noch warten soll? Und schleßlich hatte mein Vater mir beigebracht, daß ich zwei linke Händ' hätt' und nit emo en Nagel in die Wand schlage' könnt[x]

Wie es dazu kam, daß ich dann doch das Haus geheiratet habe: Mama mit der ganzen Baustelle allein lassen, ging definitiv nicht. Warum das meine Schwester das ein paar Jahre später trotzdem eine Zeitlang gemacht hat (bis sie Kinder bekam und eine Oma gebrauchen konnte), weiß ich nicht und ist ihre Sache. Zum Glück war das Bahnfahren als ZDL günstig. Und nach einiger Zeit konnte ich Nachtdienst machen, dann hatte ich nach vierzehn Tagen Dienst vierzehn Tage frei. Und als die ersten Versuche gar nicht daneben gingen und meine zwei linken Hände kein Thema mehr waren sondern wie schön man es sich noch machen könnte trotz wenig Geld, fing es mich an zu reizen… Zumal sich die linken Hände immer mehr als Fiktion und das Studium als zwar hochinteressant aber auch auf lange Sicht kaum je einträglich herausgestellt hatten und ich erst beim Lesen, dann 1978-1980 beim Reisen und schließlich 1982/83 mit einem Auslandssemester ein Faible für den Norden entwickelt hatte, das eine zunehmende Faszination für Gedanken der Selbständigkeit und Selbstversorgung (Laxness, ein eigener Herr; Hamsun, Segen der Erde) einschloß.[x]

[1975-2018 = über 40 Jahre alle freie Zeit und alles trotz ständigen Mangels doch gelegentlich erübrigte Geld in Garten, Dachgeschoß (meine Wohnung ab 1985). Keller. Sockel. Fenster. Reparaturen statt Neukauf-Nachhaltig bevor es modern wurde]…[x]

Doch als ich ab 1989 endlich das Studieren aufgegeben, einen tollen Beruf gelernt und endlich ein eigenes Arbeitseinkommen bekommen habe, erfuhr ich – ja, da erst – von den Kollegen in Frühstücksgesprächen, wie schlecht die Bezahlung in der Branche ist, weniger als bei der Müllabfuhr, und daß kaum einer davon eine Familie ernähren oder gar ein Haus bezahlen kann. Selbst ein Unternehmersohn mußte den Betrieb seines Vaters verkaufen, um seine Geschwister auszuzahlen. Das wurde nun die nächsten dreißig Jahre meine Hauptsorge: daß ich irgendwann aus unserem Haus vertrieben würde, weil ich Maria nicht auszahlen kann. Zumal die Lage unseres Grundstücks immer mehr eine zentrale und die Grundstücke damit ohne jemandes Zutun teurer werden. Reagiert hab ich mit Trotz: nicht über Umstände grübeln, die ich nicht ändern kann und umso fleißiger alles gut in Ordnung bringen und halten. Mit Maria darüber geredet wurde nie, weil von ihr auch überhaupt kein Hauch eines Signals je zu erahnen war, wie sie darüber denkt und ich kein Zerwürfnis riskieren wollte, das meine Alpträume noch verschlimmert hätte. Seit sie Kinder hatte (ab 90er Jahre), brauchte sie eine Oma und war wieder häifiger da, aber nun immer zu fünft, wogegen ich am Tisch kaum noch ins Gewicht fiel. Und wenn sie da waren, ging das Gespräch um ihre Angelegenheiten, oft sogar unter ihnen allein, und nicht selten hatte ich den Eindruck, sie wollten uns von unserer engstirnigen Beschränktheit auf Haus und Garten Erlösung bringen. Oft war Mama zwei drei Tage später erst wieder richtig unbeschwert bei sich zuhause.[x]

Firmengründung 2005 basiert schon auf Voraussetzungen eigenes Grundstück und kostenlose Wohnung…[x]

Als Mama das Krankenhaus überstanden hatte, kam es zum Streit zwischen meiner Schwester und mir darüber, wer nun neben, nach und über Mama bestimmen sollte, und als ihr das klar war, hat sie das Testament geschrieben.[x]

2018-19 ging es darum, wer hier bestimmt, d.h. über das Haus und über sie; Mama empfand dazwischen keinen Unterschied.[x]

Ich sprach auch mit Inge darüber, und sie sprach ohne direkte Aufforderung mit Mama, etwas zu schreiben.[x]

Was sie wohl damit gemeint hat, wenn sie öfter sagte: Aber die Maria hab ich doch auch gut erzogen. Die könnt auch ruhig netter zu mir sein.[x]

Um mit der Unsicherheit leben zu können, malte ich mir aus, wie ich nach Mamas Tod die Zimmer umräumen würde, maß Räume und Möbel aus, kalkulierte die monatlichen Kosten.[x]

Ich fragte Maria und die Mädels, was wir mit den Möbeln, dem Geschirr, dem Hausrat und den Kleidern später mal machen sollten. Niemand wollte etwas von dem alten Zeugs haben. Vorschläge nur: ebay, sozialkaufhaus.[x]

Ich erzählte Mama, was ich später vorhätte. Sie interessierte sich zwar prinzipiell wenig für die Zeit nach ihrem Tod (da müßt ihr sehen, wie ihr das alles macht) hörte es sich aber an und fand es ohne weiteres vernünftig.[x]

Das Testament hat sie 10.5.2019 aus eigenem Antrieb geschrieben und es in einem offenen Umschlag zu ihren Ausweis- und Versicherungskarten in die verschließbare Besteckschublade gelegt und mir am nächsten Tag gesagt. Ich wußte, daß es da lag, angeschaut habe ich es mir aber nicht vor Sommer 2023. Zu Maria hat Mama nichts davon gesagt, Maria hat eben nie mit ihr über solche Sachen gesprochen.[x]

Nach dem Tod meiner Mutter[x]

Nach dieser Nacht ~~ Lene sagte spontan: "Die wollen an dein Haus!" [x]

das Testament kurz nach dem Tod aus der Schublade zu holen war nicht klug, wir hätten Mamas Leichnam waschen und schön anziehen sollen, ich dachte aber, jetzt ist eh das Schlimmste passiert, da kann das Zweitschlimmste auch gleich noch kommen.[x]

Maria erschrak, spontan "Da hast DU ja jetzt wohl ausgesorgt!" als ob das etwas Schändliches wäre. Sie versteht es nicht, fragt aber nicht mich sondern läßt Werner Maßnahmen ergreifen, der wenig von unserer Familie versteht[x]

Werner riet mir, das Testament (Diesen Zettel) nicht einzureichen, ich würde mich ohne besser stehen. Was immer er damit gemeint hat oder bezwecken wollte. Es wäre strafbar gewesen, wenn es jemand angezeigt hätte. .[x]

Zuerst noch gesprächig, pocht sogar auf "äußerste Transparenz", will und bekommt Kontoauszüge, studiert sie aber nur ganz oberflächlich, dann Mitte März 4seitiges Schreiben an Nachlaßgericht, nicht an mich, Mitte Juni über RA Anfechtung des Testaments als gefälscht oder hilfsweise von Mama in nicht mehr geschäfts- und testierfähiger Verfassung geschrieben.[x]

Nach meinem Tod soll mein Anteil am Hausbesitz, das Wohmrecht und das Recht über Reparaturen und Verbesserungen zu entscheiden, nicht an die fallen, die bereits ein eigenes Haus haben und nie das geringste Interesse an diesem alten Ding bekundet haben oder irgendetwas dafür getan oder investiert, sondern auf den übergehen, der wieder Leben und Lachen hier heringebracht hat, mir im ersten dreiviertel Jahr als Mieter schon mehr geholfen hat als die Ingelheimer in Jahrzehnten und mir, so lang Gott uns noch auf dieser Erde leben läßt in meinem Alter noch manches Mal helfen wird.[x]

zul. bearbeitet 2024-08-08 18:07:45