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Alltag im Alter
geblogt am 23. 07. 2024

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Als es kaum mehr jemanden gab, der die Zeit, in der sie jung gewesen war, auch noch aus eigener Erfahrung kannte, sie die meisten lebenden Familienmitglieder schon im Kinderwagen herumgeschoben hatte, hatte meine Mutter ein Viertel ihrer Lebensjahre noch vor sich. Sie konnte sie in ihrem schönen Haus und Garten erleben. In der Stadt oder noch weiter weg war sie kaum noch. Sie wollte immer mithelfen und die Küchentür nie zumachen, solang nicht alles abgewaschen und aufgeräumt war, nie mit dem Mittagessen anfangen, wenn sie ihr Bett noch nicht gemacht hatte, und sie hat sich die Zeit genommen, sich über alles, das sie erlebt hatte, ihre Gedanken zu machen.[x]

Text in Arbeit: Wecker hatte meine Mutter sogar mehrere, die brauchten ständig irgendwelche Reparaturen, aber sie brauchte keinen, um jeden Tag um sieben Uhr herum wachzuwerden und ins Bad zu gehen. Duschen ab und zu sonntagmorgens, später mit viel Hilfe. Selten mutig genug, aber danach immer neugeboren. Sie kaufte sich gern was Schönes zum anziehen, zog aber am liebsten die Alltagskleider an, Jeans, eine Polobluse und im Winter einen Pullover oder eine Strickjacke, und hob die guten Sachen auf, wenn ich mal zum Arzt muß oder der Bürgermeister kommt. So ungefähr um acht Uhr kam sie die Treppe herunter, schaltete die Kaffeemaschine ein, holte die Zeitung aus dem Briefkasten und deckte sich den Tisch, wenn sie das nicht schon am Abend vor dem Zubettgehen gemacht hatte. Brot hat sie einen Zweipfundlaib mit der Schneidmaschine aufgeschnitten und in Alufolie verpackt eingefroren, da mußte sie am Abend dran denken, ein Päckchen zum Auftauen rauszulegen. Nicht immer aber sehr oft nahm sie ein Tröpfchen Gelee Royal auf Honig, das sie sich immer von einer Imkerei im Schwarzwald schicken ließ[x]

Nach dem Frühstück wurde die Zeitung durchgeblättert, vor allem die Todesanzeigen, und das Kreuzworträtsel und die Sudokus gelöst. Klappte das Rätseln schon nicht richtig, war der Tag schon gleich nix. Dann wurde das Geschirr gespült; abgewaschen hat sie immer gern, weil sie dabei mit den Händen in warmem Wasser war und weil sie es absolut nicht leiden konnte, wenn sie in ihre Küche kam und noch etwas herumstand.[x]

Alle paar Wochen kam die Fußpflege, oft wenn sie noch kaum mit dem Frühstück fertig war.[x]

Ansonsten war nach dem Abwaschen die Toilette das nächste Ziel, und wenn da alles geklappt hatte, war der Tag schon gleich herrlich. Dann setzte sie sich gern nochmal kurz mit der Zeitung hin, um sich auszuruhen.[x]

Danach war es Zeit, die Treppe hinaufzusteigen und das Bett zu machen und das Schlafzimmer zu lüften. War Wäsche zu waschen, wurde sie jetzt sortiert und die erste Maschine gefüllt und eingeschaltet.[x]

So gegen zehn konnte man mal gucken gehen, ob der Briefträger schon dagewesen war und was gebracht hatte. Vielleicht ging auch jemand vorbei, den oder die sie kannte, dann konnte sie ein bißchen schwätzen. Später hatten wir ein Bankerl vor der Haustür, da saß sie gern und schaute den Autos und den Fußgängern zu. Sie war immer froh über den Verkehr vor unserem Haus, in einer Gegend, wo man immer nur dieselben zwei, drei Nachbarn sihet, wollte sie nicht wohnen. Beim Post hereinholen ist sie einmal mit der Nasenwurzel auf die Treppenstufe vor der Haustür gefallen, genau neben dem gefährlichen Punkt. Das Krankenhaus taugte damals noch was, und sie hat es genossen, dort umsorgt und bewundert zu werden. Gestürzt ist sie öfter, aber fast immer weich abrollend, selbst einmal auf dem Ziegelpflaster im Garten ohne schlkimme Folgen.[x]

Zum Einkaufen hatte sie es nie weit, erst war plus, später REWE an der großen Kreuzung. Aber dazwischen war eine gefährliche Kreuzung ohne Ampel. Und ab ... ging sie auch nicht mehr selbst einkaufen, fuhr höchstens mit Maria, wenn die mal da war, oder ließ sich alles mitbringen.[x]

In die Stadt gefahren mit dem Bus ist sie immer gern, sie hatte auch ein Jahresabo für den Bus, bis sie einmal am Kaiser-Friedrich-Ring Ecke Adolfsallee auf dem Bürgersteig zusammengesunken und von einem freundlichen Taxifahrer versorgt worden ist. Regelmäßig hat sie sich beim hugendubel Bücher gekauft für abends zum Einschlafen, "was ich gern lese", Romane, Erzählungen, auch CDs und Kassetten, bei der Herder Buchgemeinde (seit Heirat!), hat sie nichts mehr bestellt, als es in der Stadt den Hugendubel mit Sofas zum Probeschmökern gab. Auch sonst hat sie sich gern ab und zu "was Hübsches" gekauft, Kaffee beim Tchibo, Küchengerät beim Lorey, etwas für den Garten beim Frorath ... Als ich die Firma gründete und immer mit einem Laptop herumlief, wollte sie auch sowas kaufen. Wir sind zum Karstadt gegangen und haben ein hp pavilion G7 gekauft; auf dessen Nachfolger schreibe ich dies jetzt. Sie schrieb damals Ein Stadterlebnis und eine Email an Gisela, aber danach nichts mehr.[x]

Je nachdem, was es geben sollte, begann sie mit dem Kochen so, daß sie etwa um Zwölf essen konnte. Kartoffeln waren eigentlich immer die Hauptsache, und sie sollten geschält sein. War wenig Zeit, gab es öfter Bloß ne Suppe oder Was Schnelles, dazu hatte sie von GefroSuppen und vom Eismann Gefrorenes im Eisschrank, am liebsten mochte sie gemischte Pfannen, in Beuteln, aus denen sie soviel sie mochte herausnehmen konnte. Mehrere Tage hintereinander das Gleiche mochte sie nicht. Für jedes Gericht hatte sie sich im Laufe der Zeit einen anderen Topf oder Pfanne angeschafft, in dem es am besten geht und ihr dann auch gut geschmeckt hat. Viel hat sie sich auch aufgeschrieben oder vom Südwestfunk schicken lassen. Aber wenn sie auf der Toilette morgens nicht den richtigen Erfolg gehabt hatte, half alles nichts, dann gab es nur Suppe.[x]

Wenn nach dem Essen abgewaschen und die Küche aufgeräumt war, ging sie wieder die Treppe hinauf zum Mittagsschlaf bis um drei Uhr, dann wieder herunter[x]

Spaziergänge hat sie nach den Spielplatzbesuchen mit den Enkelinnen keine mehr gemacht. Wenn sich jemand Zeit genommen hätte, mit ihr zu gehen, hätte sie bestimmt Lust gehabt. Auch zum Friedhof ist sie die letzten Jahrzehnte nicht mehr gekommen. Ihr Fahrrad hat sie mal bei einer Sammlung für die Ukraine verschenkt. Im Februar-März lockte die Sehnsucht nach den ersten Blüten, Schneeglöckchen, Winterling immer wieder zu Gartenspaziergängen. [x]

Nachmittags setzte sie sich je nach Wetter ins Wohnzimmer oder in den Garten und hat gerätselt oder gestrickt. Oder wir haben zusammen hinten im Garten oder in der Küche etwas geerntet und geputzt, gezupft, geschnitten, um es einzufrieren oder im März auf der Bank am Haus im Hof in der ersten Sonne gesessen und Rosenwildlinge geputzt. Oder sie ging wieder rauf und hat gebügelt und ihre Wäscheschränke aufgeräumt. {{noch spät für sich ganz viele Strümpfe gestrickt, stolz, mit Maria.}}[x]

Abendessen[x]

Zum telefonieren hatte sie nicht mehr viele: Mit ihrer Schwägerin Inge hielt sie wenig Lontakt (Maria bemühte sich zuletzt eifrig das zu ändern). Mit Tante Herta hat sie seltsamerweise auch nicht so viel geredet. Rita rief öfter lang an. Mit Inge hat sie sich am besten verstanden.[x]

Musik/Fernsehen: Radio in Küche, Kassetten beim Bügeln, der Fernseher wurde frühestens nachmittags um Fünf angemacht. Sonntags 18 h immer NDR Umweltlotterie. Wenn André Rieu kam, hat sie immer geguckt, auch wenn es sehr spät wurde. Sie hatte eine Fernsehzeitung abonniert und und machte sich nachmittags beim Kaffeetrinken um die Sendungen, die sie interessierten, ein Kringel; wa ein Tag vergangen, schnitt sie von den Seiten unten ene Ecke ab. Wenn die Neisser Zeitung kam, hatte sie immer tagelang etwas zum Blättern, Anschauen und Lesen. {{Neisser Zeitung das letzte, was sie noch gelesen hat?}}[x]

Friseur immer Petra, dort Neuigkeiten aus der ganzen Nachbarschaft gehört[x]

Geschlafen hat sie nicht immer gut. Träume, endlos kreisende Gedanken oder Drang zur Toilette störten sie öfter, besonders wenn die Tage aufregend waren oder das Wetter drückend, grau und windstill. Dann las sie im Bett und war danach morgens müde.[x]

zul. bearbeitet 2024-08-29 07:27:41