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Tod geblogt am 23. 07. 2024 |
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Wenn man Mamas letzte Monate jetzt so aufschreibt, klingt es, als wäre allen klar gewesen, daß sie bald stirbt, aber wer hätte das damals wahrhaben wollen? Sicher, es war mühsam geworden, und sie hatte lang genug gelebt
, wie sie öfter sagte, aber mußte man nicht jeden Tag zusehen, daß für den nächsten und den übernächsten auch noch zu essen und zu trinken da war? Es hätte ja auch mit dem Frühjahr wieder besser und durch irgendwelche etwaigen guten Ideen auch wieder leichter werden können; die neuen Hilfsmittel und die guten Pflegerinnen waren ja noch ganz neu.[x]
Andererseits ist Weihnachten bei uns immer ein Wendepunkt im Leben gewesen. Bis dahin hat man das ganze Jahr alles mögliche zu tun, das wurde irgendwie auch immer alles fertig, dann legte man erst einmal still und müde die Füße hoch, und später, nach Dreikönig, sieht man weiter und fängt wieder ein neues Jahr an. Oder eben auch nicht. Und dieser Erste Weihnachtstag 2023 war wirklich unser allerstillster jemals. Der Baum war geschmückt, aber wir saßen bzw lagen fast den ganzen Tag nur im Wohnzimmer und ruhten uns aus. Auch ich, denn mich hatte eine starke Erkältung erwischt, ich hoffte, es werde nicht Corona sein, das Fieberthermometer beruhigte mich am nächsten Tag. Ich war zu matt, das Kaßler mit Blaukraut und Klößen zu kochen. Sie lag auf dem Sofa und ich saß daneben auf dem Sessel mit den Beinen auf dem Hocker, und wir hörten vormittags und nachmittags Radio. Immer wieder tasteten ihre Finger nach mir. Zum Frühstück gabs eine Scheibe Stollen. Als um zehn der Weihnachtsgottesdienst im Radio kam, hat sie das Vaterunser laut und deutlich mitgesprochen, das hatte sie vorher nie getan. Am Nachmittag um vier, als die erste Kantate des Weihnachtsoratoriums mit "Jauchzet! Frohlocket!" einsetzte, hatte sie zuvor mit dem Strohhalm etwas roten Saft getrunken, sich dabei worhl etwas verschluckt und schon fast aufgehört zu atmen. Ihr Kopf sank herunter, der Blick wurde starr, die Finger schlaff, der Atem war quasi weg. Ich bin erschrocken, hat mit ihr gesprochen, ihren Kopf in meine Hände genommen, gefragt, was ihr fehlt, ob sie jetzt stirbt, ob ich jemanden rufen soll - keine Antwort. Nach etwa 20 Minuten beim Schlußchoral "Ach mein herzliebstes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein" aber weitergeatmet und gesagt: "So! Dann sehen wir mal weiter." konnte sie irgendetwas herunterschlucken, danach hat sie wieder geatmet und gesagt: So, dann sehen wir mal weiter.
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Sie war dann wieder ganz wie vorher, sagte selbst nichts zu dem Vorgefallenen, und ich wollte auch kein Aufhebens darum machen. Aber wenn ch mal auch nur kurz aus dem Zimmer heraus war, rief sie ganz oft nach ihrer Mama!
. Ich schlief diese Nacht auf dem Sofa im Wohnzimmer und bin öfter hinübergegangen zu ihr, wenn ich wach wurde und hörte, daß sie auch wach war. Einmal hat sie irgendetwas gesagt, das sie erwartet, aber nicht in todernstem Ton, sondern ganz locker. Ich hab dann, immer noch ohne mir etwas zu denken, gefragt: Befürchtest du das Schlimmste?
Da hat sie geantwortet: Nein, das aller Liebste.
Es war zwar alles etwas besonders, aber es war ja auch Weihnachten, ich kam nicht auf die Idee, daß es etwas anderes zu bedeuten haben könnte.[x]
Am nächsten Tag war alles noch einmal mühsamer als so schon. Wir wurden spät wach, wurden mit Bad, anziehen und Frühstück erst fertig, als man schon mit Mittagessen kochen hätte anfangen müssen. Ich hatte immer noch keine Energie, das Weihnachtsmenü zu kochen, dachte, das läuft uns ja nicht weg, kochen wirs halt am Dritten Feiertag. War heilfroh, daß die Ingelheimer ihren Besuch zu fünft am Nachmittag den vorigen Donnerstag abgesagt hatten. Als Mittagessen machte ich für Mama nur eine Erbsencremesuppe aus dem Eis warm. Sie saß zum Essen im Sessel, und ich fütterte ihr die Suppe Kaffeelöffel für Kaffeelöffel. Sie aß durchaus mit Appetit, das Schlucken funktionierte leidlich. Dann verschluckte sie sich wieder, gleich sank der Kopf auf die Brust, der Mund ging nicht mehr auf, und der Atem hatte aufgehört. Diesmal war es für immer. Ich hatte noch nie miterlebt, wie ein Mensch zu leben aufhört, daß es so undramatisch, ja beinahe beiläufig, geschieht, hätte ich ie gedacht. Im nächsten Moment kam nach diesem grauen, dunklen Vormittag ohne Sonne die Sonne bis in die Ecke im Zimmer, wo sie saß. Ich kann überhaupt nicht sagen, daß ich traurig war, im Gegenteil, ich war irgendwie froh, freute mich für sie, daß sie so schön friedlich gestorben war, was hatte ich all die Jahre gesorgt, daß es so kommen werde, und nun war es geschehen. Eigentlich genau wie bei Bach: nach dem Tod setzt ganz zart und freudig der Chor ein und schwillt dann immer siegesgewisser an: Ach Herr laß Dein lieb Engelein…
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Auf den Tag genau 120 Jahre (4 Generationen) zuvor ist ihre Urgroßmutter Veronika 1903 in Kalkau gestorben, die Mutter der drei Troemer-Brüder Alois, Franz und Josef, von denen Franz der Großväter mütterlicherseits meiner Mutter und Josef der Großväter mütterlicherseits meines Vaters wurden., jener zwei Zweige der Familie, die in meinen Eltern mit mancherlei Komplikationen wieder zusammengewachsen waren.[x]
Bei der Beerdigung am 11. Januar haben wir Ach Herr laß Dein lieb Engelein (das Bach an den Schluß der Johannespassion gestellt hat) gesungen und Nun danket all. Zu Beginn der Trauerfeier erklang vom Band ihre Lieblingsmusik Ombra mai fu, das Largo aus Händels Xerxes, gesungen von Lea Desandre. Ihr Grabspruch ist 1 Kor 13,4-5, denn alles Eifern und Sichaufblähen war ihr immer zuwider, man müsse vor allem immer zu allen Menschen gut sein und nicht streng, alle müßten miteinander auskommen, keiner allein sein Recht durchsetzen, hatte sie von ihrer Mutter(die sechs Kinder großgezogen hatte) gelernt. Über Da Sein aus Liebe sprach Pfarrer Martin Fromme von der Biebricher Hoffnungsgemeinde, der sie zuletzt öfter besucht hatte.[x]
zul. bearbeitet 2024-12-22 16:17:39